Zwischen Regulierung und Rendite: Europas paradoxer Umgang mit Big Tech

Technik Radar

Der wachsende Einfluss der Tech-Giganten in den USA lässt schwedische Investoren auf deren Erfolg setzen. Gleichzeitig verschärft die EU ihre Vorschriften, um deren Vormarsch zu zügeln.

Wer die US-Wahl verfolgt hat, konnte beobachten, wie stark sich die Politik des Landes mit den Interessen von Big Tech verflechtet hat. Wenn Entscheidungsträger und Tech-Milliardäre Seite an Seite stehen, wird deutlich, dass Silicon Valley nicht nur Innovation vorantreibt – sondern auch politische Entscheidungen beeinflusst.

Auf der anderen Seite des Atlantiks bereitet sich Europa auf das Kommende vor. Die EU steht mit einem erneuerten Regelwerk bereit und hat bereits Milliardenstrafen gegen Meta verhängt, um der Expansion der Tech-Giganten Grenzen zu setzen. Ziel ist es, Datensammlungen einzuschränken und Monopolbildungen zu verhindern. Mit Gesetzen wie der DSGVO und dem kürzlich eingeführten Digital Markets Act zeigt Europa, dass Marktfreiheit nicht mit Verantwortungslosigkeit gleichzusetzen ist.

Wenig Sorgen scheinen sich hingegen schwedische Sparer zu machen. Laut der Statistikbehörde SCB haben schwedische Anleger über 3.200 Milliarden Kronen in US-Aktien investiert. Bis Ende Juni 2024 stieg das schwedische Engagement auf 3.239 Milliarden – ein Anstieg von 19 Prozent in nur sechs Monaten. Eine beeindruckende Summe und ein klares Zeichen für das zunehmende Interesse an US-Unternehmen. Ein großer Teil dieses Kapitals fließt in Big Tech – jene Firmen, die die EU gerade zu regulieren versucht.

Das wachsende Interesse überrascht kaum. Zwar haben Trumps hohe Importzölle, veränderte Handelsabkommen und Chinas neue KI-Plattform Deep Seek für Unruhe an den Börsen gesorgt. Doch Versprechen von Technikinvestitionen scheinen schwerer zu wiegen. Analyst Dan Ives prognostiziert in The Nation, dass Trumps Rückkehr ins Weiße Haus ein Goldrausch für Unternehmen wie Tesla sein könnte, da staatliche Investitionen deutlich steigen dürften. Auch Reuters berichtet, dass Trumps kürzlich angekündigtes 500-Milliarden-Dollar-Programm zur Förderung von KI das Anlegerinteresse an Techfirmen antreibt.

Die Techkonzerne blicken mit Argwohn auf die EU-Sanktionen. Als Zeichen gegenüber Europa hat Meta die Einführung mehrerer Produkte auf dem europäischen Markt verzögert. Nun scheint der Konzern auch Trump zu ermutigen, in ihrem Sinne zu handeln. Meta-Gründer Mark Zuckerberg verglich die EU-Strafen gegen Big Tech sogar mit Zöllen – eine Rhetorik, die an Trumps eigene handelspolitische Argumente erinnert. Eine indirekte Aufforderung an Washington, sich den EU-Regelungen entgegenzustellen.

Wie weit kann und sollte die EU also gehen, um die Tech-Giganten zu bremsen? Einerseits profitieren Sparer und Konsumenten von ihrem Erfolg. Andererseits wächst die Sorge über ihren zunehmenden Einfluss. Vielleicht liegt die größte Paradoxie darin, dass viele ein Europa mit klaren Grenzen fordern – während sie gleichzeitig in jene Unternehmen investieren, die die EU einzuschränken versucht.

Die Frage bleibt, was auf lange Sicht passieren wird. Ist es für Europa überhaupt nachhaltig, gleichzeitig zu regulieren und zu investieren? Die Unsicherheit und Turbulenz machen es Anlegern schwer, sich auf dem Markt zurechtzufinden. Was am Ende als langfristige Antwort gilt, bleibt abzuwarten.

Hans Selleslagh, Finanzexperte, Freedom24